copyright by Ralph Müller-Wagner 2003
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Der grimmige Winter regierte das Königreich Ghondor sehr lange und hielt es umklammert, als wolle er es nie mehr hergeben. Aber die geballte Wärme und Kraft der Sonne machte ihm schliesslich den Garaus. So begann sich das Leben rund um die alte Eiche auf wunderbare Weise zu entfalten. Wie es sich Jahr um Jahr immer wieder auf das Neue vollzog.
Der Schnee, diese weisse kalte Herrlichkeit, schmolz dahin. Bildete Rinnsale, die mit der Zeit breiter wurden und sich in kleine Bäche verformten. Die Bäche wiederum stürzten sich von den Ghondorbergen in das Wiesental hernieder. Überschwemmten weite Auen und Ebenen, bis das Wasser im Erdboden versickerte.
Frau Eiche stand da in ihrer tausendjährigen Gemütlichkeit. Lauschte dem Frühlingsgeschwätz der beheimateten Vögel, von denen sich einige in ihrem starken Geäst aufhielten. Liess die ersten Knospen platzen, das es nur so krachte und nahm mit geschlossenen Augen den Duft des blühenden Waldes in sich auf. "Ach wie gut mir das tut!" rief sie glücklich und jubelte den anderen Bäumen zu. Wie sie nun gerade einmal niesen musste und ihr Blick auf den Waldboden fiel, bemerkte sie Laura Langbein, die ihr freundlich winkte. "Aber das ist ja eine Freude", sagte sie überrascht zu der Heuschrecke. "Die Sonne brennt uns den Frühling in das Gemüt und du besuchst mich, kleine Heldin. Was will man Schöneres erleben an einem Tag wie diesen."
"Ich dachte mir, schau doch einmal bei Frau Eiche vorbei", antwortete Laura Langbein. "Wie sie den harten Winter verbracht hat. Ja, und grüssen soll ich Sie ganz herzlich von meinen Freunden aus dem Wiesental."
"Du besitzt eben ein feines Wesen, kleine Heuschrecke. Achtest die alten Leute. Wie mich, die uralte Eiche. Das rührt mich so richtig zu Tränen. Ja, da jucken mir sämtliche Gefühle unter der dicken Rinde. Es ist ein herrliches Gefühl, wenn man nicht vergessen wird." Sie rüttelte und schüttelte sich und beinahe sah es so aus, als bräche der Waldboden auf. So sehr genoss sie Laura Langbeins Besuch. "Was machen denn Li und Lu, die beiden Marienkäferburschen? Der Schalk ist ihnen sicher nicht abhanden gekommen. Was hecken sie wieder für Pläne aus, diese Schlitzohren?"
"Och, die sind momentan sehr beschäftigt. Wissen Sie Frau Eiche, Li und Lu helfen der Mutter beim Frühjahrsputz. Da staunen Sie, was? Und sie helfen gerne. Naja, Frau Marienkäfer hat ihnen versprochen, einen Fladen zu backen und Lauseier bunt anzumalen. Ihre Lieblingsspezialität. Hühnereier sind doch soo langweilig heutzutage."
Die alte Eiche kicherte. "Ich finde sie abscheulich. Im letzten Jahr warfen zwei Waldschrate mit Hühnereiern nach mir. Wie die gestunken haben. Einfach scheusslich. Was macht eigentlich dieser Griesgram Schaufelflink?"
"Der Maulwurf arbeitet hart"; betonte Laura Langbein hochachtungsvoll. "Gräbt einen neuen Tunnel zu seiner Freundin Frau Wühlmaus Ohnespeck."
"Sieh mal an. Der alte Zausel. Na, da passiert ja einiges in unserer Gegend. Der Frühling putzt sich heraus. Zieht seine bunten Kleider an und schenkt uns allen ein geheimnisvolles Kitzeln im Bauch. Hat euch denn der Osterhase neulich ebenfalls reichlich beschenkt?"
"Sagen Sie nur, Sie glauben noch an den Osterhasen?" wunderte sich Laura Langbein.
"Jetzt wird es aber verrückt, kleine Heldin. Du hast siebenköpfige Drachen gesehen, die untere Welt kennengelernt und glaubst nicht an den Osterhasen? Laura Langbein, du enttäuscht mich!"
Sie kratzte sich verlegen hinter dem Ohr. "Naja", gab sie kleinlaut zu. Sah sich nach allen Seiten um und flüsterte, "ich glaube schon daran. Sagen Sie es jedoch keiner Seele. Sie müssen es mir versprechen."
"Abgemacht!" antwortete die alte Eiche, die wie eine Mutter zu Laura Langbein sprach.
Sie plauderten noch ein Stündchen und auf einmal, man hält es nicht für möglich, gesellte sich Frau Elster Pfeiffer mit zwei ff, zu ihnen. "Darf man Platz auf ihren starken Ästen nehmen, Frau Eiche?" meinte sie in ihrer schmeichlerischen Art und flatterte mit ihren Flügeln in der warmen Luft.
"Machen Sie doch nicht so einen Wind!" wetterte Frau Eiche jetzt los. "Sie wedeln mir ja die ganzen Blütenpollen in das Auge, Sie alter Flattervogel!"
"Alter Flattervogel? Erlauben Sie einmal", ärgerte sich Frau Pfeiffer. "Sie finden in ganz Ghondor keine Elster, die so höflich und zuvorkommend ist. Die vorher fragt, ob sie Platz nehmen darf."
"Da haben Sie Recht", konterte die Eiche. "In Ghondor gibt es Sie zum Glück nur einmal, wenn ich an Ihre musikalischen Einlagen zurückdenke. Als Sie hier einmal Ihr Lied von den goldenen Träumen sangen, welches so furchtbar unmusikalisch war, wie es unmusikalischer nicht sein kann."
"Sie wollen eine Künstlerin wie mich beleidigen", höhnte Frau Pfeiffer. "Vergessen Sie es. Sie können mir doch nicht weh tun. Das hat eine Weltreisende wie ich nicht nötig. Laura Langbein wird das bestätigen. Wir sind gute Freundinnen, nicht wahr? Frau Laura? Hallo? Wo steckt sie nur?"
Die kleine Heuschrecke sass auf einer Schlüsselblume und schüttete sich vor Lachen richtig aus. "Diese Frau Elster kenne ich eigentlich nur von früher so. Ich dachte, Sie haben Ihre Eitelkeiten abgelegt. Nun erinnern Sie mich an die hochnäsige Elster von damals. Dabei sind Sie so eine nette Person und mir eine liebenswerte Freundin geworden."
Die Elster fühlte sich geschmeichelt und vergass die beleidigenden Worte der alten Eiche. Es fiel ihr jedoch immer noch ein wenig schwer, ihre eigenen Fehler einzugestehen. Ja und ausserdem war sie nun einmal Frau Brunhilde Pfeiffer. Eine Dame von Welt, die ihre eigene Persönlichkeit besitzt. So schluckte sie all ihren Frust hinunter und antwortete Laura kleinlaut: "Manchmal hört eine erfahrene Frau wie ich gerne auf Kinder, denn sie sagen unbekümmert die Wahrheit. Auch wenn sie noch so bitter ist. Ich entschuldige mich bei Ihnen für meine Unbeherrschtheit, liebe Frau Eiche. Es tut mir sehr leid."
Die alte Eiche schlug ihre rindigen Augenlider verwundert auf und nieder. Eine Entschuldigung hatte sie von der Elster niemals erwartet. Sie wusste, wie schwer es für die Pfeiffer war, Fehler einzugestehen. Darum schätzte sie deren Worte um so mehr. "Ich verzeihe Ihnen", erklärte sie nun feierlich und eine friedliche Stimmung breitete sich mit einmal rings um ihr Anwesen aus.
Die Elster war ausser sich vor Freude und Laura Langbein hüpfte ausgelassen von der Schlüsselblume herunter. Da drang ein markerschütternder Brummton dreimal durch die warme Luft. "Keine Sorge, meine Lieben. Das ist Meister Schaufelflinks Waldhorn. Ich erkenne es unter tausenden heraus. Hört ihr nicht, wie aufdringlich es klingt? Das ist eben seine Art. Dreimal geblasen bedeutet, er benötigt meine Hilfe. Ach, diese Männer. Sie kommen ohne uns Frauen einfach nicht zurecht im Leben. Na da werde ich wohl oder übel leider aufbrechen müssen. Einen schönen Tag noch." Sagte es und flog auch schon mit kräftigem Flügelschlag davon.
"Kommen Sie bald wieder!" rief die alte Eiche noch hinterher und raschelte mit ihrem frischen Blattwerk.
"Wissen Sie, die Elster ist eigentlich eine richtig nette Person. Ich will mich dann auch verabschieden", sagte Laura Langbein. "Ich habe dem alten Steinpilz versprochen, sein Dach zu säubern. Es war schön mit Ihnen zu plaudern, Frau Eiche. Also man sieht sich. Ich wünsche noch einen angenehmen Tag."
"Den wünsche ich dir auch, Laura Langbein. Und grüsse den alten Steinpilz von mir. Ich bedauere, dass er nicht auf meinem Grund steht und ich seinen Geschichten lauschen kann."
"Ich werde ihm alles sagen, liebe Frau Eiche", antwortete die kleine Heuschrecke noch, ehe sie der dichte Graswald verschluckte und von ihr noch der liebliche Gesang zu vernehmen war.
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