Diesmal trug Stefan die Schuld an der Abreibung, denn es war seine Idee, mit der alles angefangen hatte. Ulli machte Stefan keine Vorwürfe, denn die Idee, nach Munition zu suchen, hätte auch von ihm kommen können. Außerdem bekamen sie die Abreibung sowieso beide. Deshalb gab es keinen Streit. Auch die Väter waren sich einig.
Ulli kannte seinen Vater erst seit einigen Monaten. Davor war nur seine Mutter da und die Fremden, die mit Pferde- und Kuhfuhrwerken ins Dorf gekommen waren, eine Weile bei ihnen wohnten und dann wieder weiterzogen. Soldaten waren gekommen und gegangen, deren Sprache Ulli nicht verstanden hatte. Und ganz zum Schluss war irgendwann auch Ullis Vater da.
„Nun bleibe ich für immer bei euch", hatte er gesagt und so getan, als seien sie die dicksten Freunde.
Von diesem Zeitpunkt an war Ullis Vater für die Abreibungen zuständig. Ein schlechter Tausch, denn Vater hatte kräftigere Hände als Mutter und er machte alles sehr gründlich.
Ulli schätzte seine Situation durchaus realistisch ein. Einen abgebrannten Schuppen konnte man nicht einfach unter dem Kopfkissen verschwinden lassen. Manchmal musste man einfach zu dem Bock stehen, den man geschossen hatte und die Abreibung kassieren. Danach herrschte dann auch wieder Ruhe und man konnte wieder freier über alles sprechen.
Nach einer Abreibung konnte man gefahrlos zugeben, was man zuvor verschwiegen hatte. Es gab keinen Nachschlag.
Vor der Abreibung ging es gewöhnlich nicht um die grundsätzliche Frage ob es Senge gab, sondern wie viel. Je mehr Fehltritte man eingestand, desto ausgiebiger fiel die Abreibung aus. Es kam also auf das besondere Geschick an, vor der Abreibung herauszufinden, was Vater schon wusste. Denn mehr musste man nicht zugeben. Den ungeklärten Rest eines strittigen Sachverhaltes konnte man nach der Abreibung besprechen. Das geschah dann in geläuterter, entspannter Atmosphäre, in geradezu konstruktiven Vier-Augen-Gesprächen zwischen Vater und Sohn. Vater erklärte Ulli was schief gelaufen war, und Ulli versprach in Zukunft keinen Unsinn mehr zu machen. Diesen Gefallen tat er ihm gerne, denn Ulli hatte manchmal den Eindruck, dass es seinem Vater mehr um diese Gespräche, als um die Abreibung ging.
Diesmal standen mehrere Verstöße im Raum: Ulli und Stefan hatten gezielt nach Munition gesucht, was natürlich verboten war. Sie hatten von den Hülsen einer kompletten Patronenkette die Bleispitzen demontiert, was noch strenger verboten war. Ferner hatten sie das Zerlegen der Geschosse in Vaters Schuppen vorgenommen, an Vaters Werkbank und unter Zuhilfenahme von Vaters Werkzeugen. Mit anderen Worten, sie hatten das Sakrileg begangen, Heiligtümer zu entehren und, was strafverschärfend war, diese letzten Endes auch noch zu vernichten.
Das alles geschah ohne böse Absicht. Der entscheidende Fehler bestand womöglich nur darin, dass sie das auf der Werkbank angehäufte Schießpulver anzündeten, denn dies führte zu der unerwartet großen Stichflamme, was wiederum den totalen Verlust des Schuppens zur Folge hatte.
Der Versuch, diese Sache zu verschleiern oder zu leugnen, war zwecklos.
Als Vater am späten Nachmittag nach Hause kam, besah er sich die kläglichen Reste seines Schuppens, die wie verkohlte, riesige Zahnstocher in den Himmel ragten und fragte:
„Junge, was hast du wieder angestellt?"
Nun war der Augenblick wieder einmal gekommen, dachte Ulli, Augen zu und durch!
„Es war nur wegen der Pfeile", versuchte er zu erklären.
„Welche Pfeile?"
„Indianerpfeile", sagte Ulli kleinlaut, „wir brauchten Bleispitzen für unsere Pfeile. Dann kann man besser damit schießen."
„Hast du dich schon im Spiegel gesehen?", wollte Vater wissen.
Ulli nickte.
„Die Augenbrauen weg, die Wimpern verbrannt, auf dem Kopf auch keine Haare mehr..."
Ulli sah zerknirscht zu seinem Vater hoch und wartete auf die Abreibung.
„Dein Gesicht ist krebsrot. Tut es weh?", fragte Vater.
„Nein."
Weshalb macht er es nur so spannend, dachte Ulli. Je eher er anfängt, desto eher habe ich es hinter mir.
„Wo habt ihr die Munition gefunden?", wollte Vater wissen, „Kannst du mir die Stelle zeigen?"
„Klar."
„Gut", sagte Vater, „gehen wir."
Vater nahm Ulli bei der Hand und sie gingen gemeinsam durch die Wiesen, am Bach entlang, um die Stelle zu finden, an der noch Munition lag. Vater nahm sich viel Zeit, und sie sprachen miteinander wie sonst nach der Abreibung, von Mann zu Mann, gewissermaßen auf gleicher Augenhöhe.
Ulli verstand die Welt nicht mehr. Er verstand vieles von dem, was ihm sein Vater über Munition erzählte, über Waffen und über den Krieg.
Aber wo, um alles in der Welt blieb die Abreibung?